Planning Analytics (TM1) Anwendertag 2017 - Ehningen

 

Es ist schon speziell, einen Anwendertag für ein Produkt zu besuchen, für dessen Anbieter man in der Vergangenheit gearbeitet hat. Meine Zeit bei Applix ist zwar schon eine Weile her, aber meine Begeisterung für OLAP-Datenbanken wurde seinerzeit geweckt und hat sich seit dieser Zeit nur moderat verringert. Doch gerade die letzten 10 Jahre waren für alle Anbieter von reinen OLAP-Datenbanken ereignisreich. Manche präsentierten ihre erste Version, viele wurden übernommen, manche dümpeln nach der Übernahme vor sich hin und fristen ihr Dasein als Häkchen-Lieferant für RfIs ("Können Sie auch OLAP?" - "Ja, können wir"). Auch für TM1 war die Zukunft nach den zwei Übernahmen durch zunächst Cognos und dann IBM lange Zeit unklar. Klar ist nun: TM1 ist tot, es lebe Planning Analytics. 

Eine Heerschar an zufriedenen Anwendern - um nicht zu sagen Fans -, viele Partnerunternehmen mit teils hervorragenden Lösungsangeboten und nicht zuletzt Christian Wagner als langjähriger Verfechter der TM1-Idee haben IBM dazu motiviert, weiter und nun verstärkt in TM1Planning Analytics zu investieren. Aus diesem Grund habe ich den Planning Analytics Anwendertag 2017 am 20.06.2017 in Ehningen zum Anlaß genommen, mich auf den neuesten Stand zu bringen.

So trafen sich am 20.06.2017 362 Teilnehmer, begrüßt durch Leonardo Gambini und Nicole Reiner von der IBM. Der Trend gehe klar über die reine Zahlenerfassung und -aufbereitung hinaus. Man plane, die Themen Machine Learning und Digitalisierung im Finanzbereich zu etablieren und für den Endanwender bedienbar zu gestalten. Aktuell zählt die IBM 1400 TM1 Kunden in der DACH-Region mit insgesamt 200.000 Anwendern. 60% davon verwenden noch das Excel-AddIn. 300 Kunden hätten sich bereits für den cloud-basierten Betrieb entschieden.

Nicole Reiner, CFO DACH der IBM, konkretisierte die Ziele, indem sie die internen Steuerungselemente für Vertrieb und Projekte vorstellte. Dabei gehe man weg von reiner Analytics hin zu Predictive. Das bedeutet, dass Anwender statt reinen Controlling-Informationen auch Handlungsempfehlungen erhalten. Frau Reiner stellte dazu die interne, weltweite "Spend Application" vor, deren Rahmendaten 400.000 Kostenstellen, 3.000 Anwender und 500 gleichzeitig aktive Anwender umfasst.

Christian Wagner bestritt den produktspezifischen Teil der IBM-Präsentation. In seiner gewohnt unterhaltsam-informativen Art wurden die Teilnehmer auf die umfassendsten Änderungen seit langem rund um TM1 vorbereitet. Zunächst wird der Name TM1 in "Planning Analytics" geändert. Mir erschließt sich diese Änderung nicht, viele Marketing-Spezialisten würden sich über einen so starken und etablierten Markenbegriff freuen, IBM schafft ihn ab. Aber auch frontend-seitig wird man sich an Neues gewöhnen (müssen?): Planning Analytics for Excel (kurz: PAx) löst das Excel-AddIn ab, der Planning Analytics Workspace (PAW) schafft endlich eine moderne Weboberfläche, die auch Komponenten zur Modellierung enthält. Modelltechnisch sticht eine Erweiterung rund um Hierarchien hervor, deren Elemente in Berichten sowohl in Zeilen als auch in Spalten verwendet werden können. 

Den IBM-Vorträgen folgten Anwender- und Technik-Tracks, leider leider (meiner Meinung nach eine Unsitte vieler Veranstaltungen) parallel organisiert, und wie so oft fanden hochinteressante Vorträge gleichzeitig statt. 

Eine sehr informative Präsentation hielten die Herren Schink, Schneider und Barzaitis von Merck KGaA. Sie stellten ihre Finance Operation vor, die man wohl als eine hervorragend organisierte Schatten-IT der Finanzabteilung bezeichnen kann. Als umfassender SAP-Kunde hat Merck natürlich SAP BW im Einsatz. Alle nicht-SAP-Anwender verwenden jedoch TM1 und haben damit Zugriff auf 1,5 TB an Daten. Über eine eigene ERP-Schnittstelle werden die Informationen direkt aus den ERP-Anwendungen mit einer Geschwindigkeit von 25.000 Sätzen/Sekunde geladen. Die 35 TB umfassende BW-Applikation werde nur als zweite Wahl betrachtet.

Erfrischend, wie bei allen besuchten Kundenpräsentationen an diesem Tag, empfand ich die offene Ansprache von Vor- und Nachteilen der lizenzierten Produkte und der jeweiligen Projektverläufe. Auch die Kompetenz der Sprecher und ihre Identifikation mit den vorgestellten Themen kamen beim Publikum außerordentlich gut an.

Absolutes Highlight des Tages war meiner Meinung nach der Vortrag von TM1-Erfinder Manny Perez über die Geschichte von TM1 und dessen Erfolgsrezept, der "Secret Sauce". 

Zwar war Mannys Vortrag (meiner Meinung nach vollkommen unangebracht) nur einer von mehreren parallelen Tracks am Nachmittag, aber der Raum war mehr als gut gefüllt und die Stimmung war prickelnd. Das Erlebnis, die Geschichte der TM1-Entstehung, die Gründe und Motivation, die ihn damals getrieben haben, bis hin zu Ideen für die zukünftige Entwicklung aus dem Munde des Erfinders zu hören war wirklich einmalig. Die Begeisterung der Zuhörer ist diesem Bild zu entnehmen:

Quintessenz seines Vortrags war die Aussicht auf die Zukunft von TM1. Seiner Meinung nach kommen die besten Tages der Functional Databases im allgemeinen und TM1 im speziellen erst noch. Er sieht die Weiterentwicklung nach seinem Rückzug aus der Entwicklung in sehr guten Händen und begrüßt vor allem die Umsetzung von Kundenwünschen aus dem Bereich der Modell-Unterstützung. Zudem betrachtet er die großen Investitionen in der Peripherie rund um den Datenbankkern als positives Zeichen. 

Krönender Abschluß des Tages war die Verleihung des "Lifetime achievement awards" an Manny Perez. Angesichts der Tatsache, dass ohne seine Erfindung viele Firmen, Produkte und Lösungen, seien sie TM1-affin oder aus konkurrierenden Lagern, nicht existieren würden, ist die Auszeichnung mehr als verdient.

Für das kommende Jahr wurde bereits das nächste Anwendertreffen angekündigt. Nach der sehr gelungenen Veranstaltung in diesem Jahr klingt die geplante Zahl von 500 Teilnehmern sicher nicht übertrieben.