Editorial Januar 2017

In-Memory-Datenbanken - Die verwobene Geschichte der OLAP-Datenbanken

Fortsetzung vom Editorial vom letzten Monat:

Der Status war also wie folgt: Sinper entwickelt TM1 und vertreibt die Software in USA, ein Vertriebspartner hat die internationalen Rechte und der deutsche Partner MIS GmbH feiert Erfolge auf dem hiesigen Markt. Ein paar Jahre lang war dies ein eingespieltes Team, bis im Oktober 1996 die Firma Sinper von Applix übernommen wurde. Applix war bis dahin eher für sein CRM System bekannt und sah im benachbarten Unternehmen einen guten Weg der Diversifizierung.

Leider liegen keine genaueren Informationen vor, aber der Kauf scheint aus heutiger Sicht nicht sonderlich gut vorbereitet gewesen zu sein. Mit der Übernahme von Sinper war es nicht getan: Die internationalen Vertriebsrechte lagen bei einer dritten Partei und mit MIS lag das Anwendungs- und Addon-KnowHow in vierter Hand. Es kam zum Rosenkrieg.

MIS stellte bereits vier Monate nach der Übernahme von TM1 durch Applix auf der Cebit 1997 mit Delta Alea eine "alternative" OLAP-Engine vor. Dies war der Beginn vieler gerichtlicher Auseinandersetzungen diesseits und jenseits des Atlantiks, mit Klagen wegen Urheberrechtsverletzungen und Unterlassungserklärungen (http://www.computerwoche.de/a/mis-reicht-gegen-applix-unterlassungsklage-ein,1102739 und http://www.channelpartner.de/a/mis-ag,601868). Schließlich fand man im März 1998 einen Kompromiss (http://www.prnewswire.com/news-releases/applix-and-mis-announce-settlement-77100522.html), sodass nie abschließend geklärt wurde, wie Delta Alea tatsächlich entstand. Selbst nach fast 20 Jahren ist es aber für Anwender und Berater recht einfach, von Aleas Nach-Nach-Nachfolger InforBI zu TM1 zu wechseln und umgekehrt.

Auch für die internationalen Vertriebsrechte von TM1 mußte Applix einen weiteren Vergleich eingehen. Aus dem ehemaligen Sinper-Vertriebs- und Entwicklungspartner entstand 1998 die Firma PARIS Technologies mit dem Produkt PowerOLAP. PowerOLAP wartete mit einer ähnliche Architektur auf, bot jedoch recht innovative Funktionen, die von den "Schwester"-Produkten teilweise erst 15 Jahre später geliefert wurden. Leider konnte man den Erfolg, den man in USA, Asien und Afrika hatte in Europa nicht wiederholen.

In Deutschland hieß es dann für einige Jahre TM1 gegen MIS Alea. Konkurrenz belebt das Geschäft, sodass Funktionalität und Performance stark zunahmen. Der Sprung in die Welt der Enterprise-BI war jedoch aufgrund der noch recht sparsamen Ausstattung der Server an Hauptspeicher Anfang der 2000er verwehrt. Zudem war mit den relationalen OLAP Tools Microstrategy, Cognos und Business Objects im Bereich (seinerzeit) großer Datenmangen eine sehr starke Konkurrenz erwachsen. Das Wachstum für die In-Memory-OLAP-Anbieter stagnierte.

Trotz Umstrukturierungen, erhöhter Vertriebsaktivität und einer Steigerung der Bruttomarge auf über 50% (http://www.equitystory.com/Download/Companies/mis/Other%20Information/HV%202003_Vorstandsrede.pdf) wurde MIS AG im Herbst 2003 von der Systems Union Group recht überraschend übernommen. In die Unsicherheit der Übernahme fiel der Unfalltod des MIS-Gründers und -Geschäftsführers Peter Raue in 2004. Eine große Kundenbasis, das starke Netzwerk an ehemaligen MIS-Mitarbeitern und die endgültige Übernahme durch Infor in 2006 half über die Untiefen hinweg. 

Bei Applix verlief der Übernahmeprozess sanfter. Nachdem ab 2006 im Management von Applix vermehrt ehemalige Cognos-Mitarbeiter auftraten, war die Übernahme von Applix durch Cognos nicht mehr überraschend. Zwei Monate später wurden die vielen Cognos-Produkte dann Teil des IBM Portfolios.

Aber zurück zu MIS. Im Jahre 2002 gründete Peter Raues Bruder Christian Raue die Firma Jedox AG. Man entwickelte ein für damalige Verhältnisse innovatives Frontend für MIS Alea, webbasiert, aber im Excel-Look, den Worksheet Server. Als OEM-Produkt trug der Worksheet Server sehr zur Popularität von Alea bei, war aber auf diesen als Datenbasis angewiesen. Wie seinerzeit Alea aus dem Verkauf des Datenbank-Zulieferers entstand, wurde nun von Jedox eine eigene OLAP-Engine entwickelt, die Alea als Basis des Worksheet Servers ersetzen kann. In 2005 wurde die erste Version von PALO vorgestellt, zunächst als Open Source Engine, später dann auch als Premium Edition, heute umbenannt als Jedox bekannt.

Der Entwicklungsvorsprung vieler Jahre von TM1 und InforBI wurde von IBM und Infor verspielt. In den Jahren 2006 bis 2013 wußten beide Firmen meines Erachtens mit dieser Technologie strategisch nichts anzufangen. Dies hat sich glücklicherweise geändert. Mit der steigenden Versorgung der Server mit Hauptspeicher und der positiven Entwicklung der Produkte bzgl Funktionalität und Bedienbarkeit hat sich mit den ungleichen Verwandten TM1, InforBI, PowerOLAP und Jedox eine Klasse von In-Memory-Datenbanken etabliert, die im Unternehmensalltag das Verhältnis von Excel-affinen Anwendern, Powerusern und IT deutlich entspannt. 

Ich hoffe, der kleine Ausflug in die Geschichte der In-Memory-OLAP-Datenbanken hat Ihnen gefallen. Ein entsprechender Artikel über die relationalen In-Memory-Datenbanken ist in Arbeit.